Montagsvorträge zur Archäologie in Bayern (2006, München)

Hier gehts um alles was mit Römern in Raetien und speziell rund ums Hachinger Tal zu tun hat. Angefangen mit der Römerstrasse über die Villa Rustica in Taufkirchen und "Vivamus" bis zur Tabula Peutingeriana, dem Itinerarium Antonini und den Notitia Dignitatum.

Montagsvorträge zur Archäologie in Bayern (2006, München)

Postby hns on Mon Nov 28, 2005 12:11 pm

„Montagsvorträge zur Archäologie in Bayern“ lädt das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege alle Interessierten herzlich ein.

16.1.2006, 19 Uhr, Montagsvortrag in der alten Münze
Dr. Martin Pietsch, Peter Volpert M.A.: Strukturen römischer Besiedlung im Großraum München

13.2.2006, 19 Uhr, Montagsvortrag in der alten Münze
Dr. C. Sebastian Sommer: Neues zu den Römern in Bayern

Der Vortrag findet in der Säulenhalle (Innenhof/rechte Seite) des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (Alte Münze), Hofgraben 4, 80539 München statt. Einlass ab 18.30 Uhr.

Quelle: Ankündigung der Gesellschaft für Archäologie in Bayern e.V. und Programm vom letzten Jahr: http://www.blfd.bayern.de/blfd/index.php?id=17866
hns
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Re: Montagsvorträge zur Archäologie in Bayern (2006, München

Postby hns on Tue Jan 17, 2006 12:54 pm

hns wrote:13.2.2006, 19 Uhr, Montagsvortrag in der alten Münze
Dr. C. Sebastian Sommer: Neues zu den Römern in Bayern


Neues zu den Römern in Bayern
Montagsvortrag von Dr. C. Sommer (16. Jan 2006)


Der Vortrag wurde getauscht mit dem von Dr. Pietsch und Hr. Volpert.

Der Vortrag baute relativ chronologisch auf (ca. 1. bis 4. Jhdt. n. Chr.). Hier sind meine Notizen als Zuhörer vom Vortrag (auf einem Sharp-Zaurus-PDA mitgetippt). Irrtümer (insbesondere bei Namen) und Missverständnisse stammen von mir.

Burgheim
- Nachweis eines Kastells
- Donauübergang (Brücke) konnte gezeigt werden
- via Claudia Augusta (43 n. Chr. Baubeginn dendrochronologisch belegt)
- wie kann man soetwas für die Nachwelt erhalten? (Substanzverlust rapide (Neubaugebiete, Kiesgruben)

Burghöfe
- Kastell Burghöfe - Forschungsgrabungen durchgeführt
- Endpunkt der via Claudia Augusta
- große Mengen Fundmaterial - von Sondengängern leider nicht gut dokumentiert
- Geophysikalische Messungen (Fassbennder)
- Vicus reichte ungewöhnlicherweise bis unmittelbar an den Kastellgräben (vgl. mit Künzing s.u.)

Augsburg
- neue Baubefunde
- Augsburg war wohl nicht ursprünglich die Hauptstadt von Raetien, sondern Kempten; Augsburg war Militärlager

Pfatter
- vor wenigen Jahren neues Kastell gefunden
- 3 Militärdiplomfragmente (undokumentierte Funde) stammen vermutlich von hier
- das könnten Abordnungen aus Straubing gewesen sein

Kastell Straubing
- Vicus ist großfläching gestört (mittelalterliche Befestigung, moderne Bebauung), aber weitgehend fachgerecht ausgegraben
- offenbar gab es zwei Kastelle nebeneinander!
- vermutlich mit je einem eigenem Vicus
- Grabungsergebnisse suchen noch jemand der das Alles wissenschaftlich erschließt...
- östlich der Kastelle gab es eine Art "Truppenübungsplatz" mit Übungslagern

Künzing:
- letzte 20 Jahre eher traurig: Kastell und Vicus grossflächig gestört und wenig erhalten
- eines der bestdokumentierten Kastelle
- hat wie viele andere eine ca. 100m breite Freifläche zwischen Kastell und Vicus
(Ringtypus der Kastellvici)
- Interpretation: bewußt freigehaltener Bereich um Pferden rasch Bewegung verschaffen zu können
- Zugang zum Kastell von den Fernstrassen aus ist noch nicht ganz klar
- dreischiffiger Bau: Miträum (selten in Bayern nachgewiesen!)
- ovale Fom: einziges ausgegrabenes Holzamphitheater in Bayern; ein zweites (nicht ausgegraben) gibt es in Bambach hinter dem Limes - gleiche Dimensionen
- Dreireihige massive Tribüne aus Holz
- scheint während der Frühphase des Vicus entstanden zu sein und wurde nicht lange benutzt (schnell zur "Müllkippe" geworden)
- Spekulation: da wurde um ca. 100 n. Chr. des Kaisers Geburtstag auf seiner Durchreise gefeiert ?

Region Ingolstadt
- großer Landverbrauch durch Industrie

Kastell Nassenfels
- heutiges Straßenbild orientiert sich sogar am Kastell

Kösching
- Reiterbaracken wurden im Kastell nachgewiesen
- Problem: aus Militärdiplomen sind aber nur 4 Reitereinheiten für nun 5 Kastelle bekannt!
- wurde Kösching in zivilen Ort gewandelt?

Weissenburg
- Kastell freigehalten, vicus aber überbaut
- viel Fundmaterial um 100 n. Chr. datiert
- vermutlich der Endpunkt des Altlimes?
- Weissenburg hat eine Münzaltersverteilungskurve mit recht frühem Peak um100 (Bayern ist gleichmäßiger verteilt)
- führte die via Claudia sogar bis Weissenburg?
- Limes bei Weissenburg wurde vermutlich relativ bald ausgebaut – das gab eine bessere Verbindung zwischen Donau- und Rheinprovinzen
- Dieser Ansatz erlaubt auch eine Erklärung warum Pfünz 10 km hinter dem Limes liegt

Limes
- Zu den Limestürmen gibt es zwar viele Rekonstruktionen, aber es ist wissenschaftlich noch weder belegt wann die Holztürme gebaut wurden und wie sie konstruiert waren!
- Was ist das Zaungräbchen und die Palisaden am Limes? Eine Art Vorlimes?
- Hierzu wurde von der Reichslimeskommission schon vor 100 Jahren vieles dokumentiert
- Glücklicherweise liegen damals geborgene Hölzer heute noch vor! (z.b. in Gunzenhausen)
- Deshalb gelang die Dendrodatierung: alle 160-163!
- Schlussfolgerung: Wir schmeissen auch in Zukunft nichts weg!
- Limes war eher ein durchlässiges Kontrollinstrument statt einem Bollwerk

Am 15. Jul 2005 wurde der Limes in die Liste des Weltkulturerbes eingetragen (multinationales Denkmal)
- in Bayern ist der geringste Anteil zertört (5%)
- auf ca. 50km ist er erstaunlicherweise noch heute Gebietsgrenze (Gemeinden)

Ruffenhofen
- sehr gute Erhaltung durch Zweckverband der Gemeinden - Platz ist geschützt!
- erste Skizzen wurden vor 100 Jahren gemacht
- moderne Untersuchungen: Luftbild, Magnetik, Elektrik
- 2005 erfolgte ein Sondageschnitt zur Klärung der Erosion und Störungen
- Ergebnis: eine Frage gelöst, zwei neue ausgelöst
- Aus den modernen zerstörungsfreien Messungen kann man erkennen: Kastell, Vicus und Fernstrasse, Tempel, Nebenstraßen, Großgebäude, ...
- interessanter Fund: Weihinschrift der Einwohner am "Rechten Platz": es gab damals schon Strassennamen (und wie man von woanders weiß auch Hausnummern)
- Ein Römerpark macht antike Trassen durch geschickte Bepflanzung erlebbar, Rundweg, Aussichtshügel, 1:10-modell

Wörth
- Kastell u. Vicus
- denkbarer Mainhafen
- im älteren Kastell erkennt man ein spätes römisches Reduktionskastell
- Markomanneneinfälle um 170?

Augsburg (Näche St. Anna)
- Bibliothen aus dem 16 Jhdt
- 5m tiefe 6m tiefe V-förmige Spitzgräben gefunden
- mächtige 40cm-Pfosten
- Solgraben
- extreme 6m breite Holzkonstruktion
- Mitte 2. jhdt.
- Schutzanlage bietet 10 ha
- zum Schutz vor Markomannen?
- ist aber zu klein für eine ganze Legion (20ha)
- Legion wurde evtl. halbiert und dann nach gemeinsam nach Regensburg verlegt

Grosse Grabungen bei Aschheim und Heimstetten
- Vortrag in 4 Wochen
- Fragestellung: gibt es Kontinuität zw. letzten Viereckschanzen (Heimstettener Kultur) und Römern?
- Heimstetttener Kultur: namensgebendes Grab wurde hier vor 30 Jahren gefunden, inzwischen weitere
- Gräber orientieren sich an einer Linie (Strasse?)
- Die offene Frage: wurden Kelten hier römisch angesiedelt? Oder sind das Reste der Kelten?

Gauting
- Vicus und Kreuzung liegt nicht an der (heute so genannten) Via Julia!
- warum liegt der Vicus nicht an der Straße?

Schwabmünchen, Schwabeck
- gesamte Vicusstruktur und der Straße identifiziert
- Töpferöfen
- spezialisierter Terra-Sigillata-Ofen
- Waren wurden von hier bis Ungarn gehandelt

Pfaffenhofen/pons aeni
- Westerndorf eine Filialtöpferei?
- kartierte Oberflächenbeobachtungen zeigen: Fundstücke wurden durch Erosion offenbar doch nur sehr wenig verlagert!
- offene Frage: einseitiger Strassenvicus oder Zerstärung der anderen Straßenseite durch Hochwasser?

Nassenfels
- Risalit-Villa wurde in Axial-Villa umgebaut
- frühmittelalterlicher Keller und Gräber (7. Jhdt.) wurden in römische Reste gebaut (nur kirchen bauten damals in Stein!)
- hiermit wurde eine weitere Platzkontinuität nachgeweisen (wenn auch nicht eine Siedlungskontinuität)

Burgweinting
- vermutlich 4 Villae-Rusticae
- liegen ungewöhnlich eng beieinander (eine Art Weiler)

Burghöfe
- burgartige Befestigung ist spätrömisch

Weitere Pläne zum Limes
- offizielles Limes-Logo
- durchgehender Limeswanderweg geplant
- Limeskarte

Probleme der Denkmalpflege
- Finanzausstattung durch Freistaat sinkt weiter
- leider viele Zerstörungen durch Sondengänger
- Strassenbaumassnahmen drängen Belange der Denkmalpflege und Archäologie immer mehr an den Rand
- Personal für Auswertung der (Be)funde fehlt (z.B. wurden 1500 römische Gräber gefunden)

Nikolaus Schaller
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Postby hns on Mon Feb 20, 2006 2:49 pm

hns wrote:16.1.2006, 19 Uhr, Montagsvortrag in der alten Münze
Dr. Martin Pietsch, Peter Volpert M.A.: Strukturen römischer Besiedlung im Großraum München


Strukturen römischer Besiedlung im Grossraum München
Montagsvortrag von Dr. Martin Pietsch, Peter Volpert M.A. (13. Feb 2006)


Der Vortrag wurde getauscht mit dem von Dr. Sommer und fand deshalb erst am 13. Februar statt.

Hier finden Sie meine Notizen als Zuhörer vom Vortrag (auf einem Sharp-Zaurus-PDA mitgetippt).
Irrtümer (insbesondere von Namen) und Missverständnisse stammen von mir.

Begrüßung:

Bis vor 25 Jahren dachte man der Grossraum München (Schotterebene) sei in römischer Zeit sehr wenig besiedelt worden.
Durch hohen Baudruck seit Ende der 70er Jahre wurden jedoch zahlreiche Ausgrabungen notwendig um die Erkenntnisse zu retten.
Dabei zeigte sich ein enges und dichtes Netz genauerer Strukturen über die Dr. Pietsch und Hr. Volpert berichten.

1. Dr. M. Pietsch, Referat Oberbayern: Was sind römische Villen?

Die Villa Rustica steht im Gegensatz zur Vila Urbana und ist kein Herrschaftshaus sondern ein Gutshof/Bauernhof. Es gibt keine Vorbilder für die Villae nörlich der Alpen im zentralen Rom. Die Siedlungsformen Vicus und Haufendorf hat es in Oberbayern anscheinend nicht gegeben.

Die Villa Rustica von Poing (2004) ist die die erste vollständig ausgegrabene im Grossraum München.

Typisch für eine Villa Rustica ist:
* Lage auf einer Terasse
* 1,5m hohe Einfriedung
* Gestaltung
* in der Mitte oder am Rand mehrere Wohn- und Wirtschaftsgebäude
* Haupteingang
* oft gibt es Porticus und Eckrisalit
* Innenhof
* Badegebäude gilt als Indikator der römischen Zivilisation

Es wurden verschiedene Fotos und Skizzen gezeigt, so z.B. der teilweise wiedererrichteten Villa in Hechingen-Stein (Baden Württemberg)

Im Münchner Raum fehlen jedoch Villengebäude aus Stein! 20 Jahre Grabungen ergaben keine kompletten Steinvillen (allenfalls Teile z.B. Keller, Fundament).

Die Grabung von 2003 und 2004 in Poing erfaßte 12 ha Fläche. Dabei wurden zwei (vielleicht auch mehr) vollständige römische Gutshöfe in Holzkonstruktion ergraben.

Erkenntnisse sind:
* grossräumige Einfriedung
* mehrere Wirtschaftsgebäude
* Abstand der Hofstellen in Poing nur 7m! (als typisch gilt eigentlich ein Abstand von 1km z.b. in NRW)
* Hof 1 hat kaum mehr als 1 Bauphase
* Hof 2 hat viele Überschneidungen, mindestens 3 Bauphasen erkennbar
* typisch wären 5 Fuß hohe Mauern - hier offenbar aus Holz
* Zaunanlagen halten aber kaum mehr als 5-10 Jahre (und müssen dann erneuert werden => kontinuierliche Pflege)
* Bündel von parallelen und sich schneidenden Gräbchen

Vergleiche:
* Eching bei Freising
* flache Gräbchen sind meist 30-40cm breit
* es gibt auch tiefe Gräben 2m x 2m in Obergermanien
* Gräbchenlängen 100m
* kleine römische Gutshöfe haben 1-4 ha pro Villa Rustica
* das deutet auf Flechtwerkzäune, seltener Bretterzäune (vgl. Buchmalereien aus d. Mittelalter die solche Flechtzäune darstellen)

Weitere Erkenntnisse aus Poing:
* 18 Tore - die Zaungräbchen gehen eindeutig in Pfostengruben über
* Tore sind 3,5-4m breit, kleinere nur 2m
* mehrere verstreute Gebäude
* Hof 2 hat mindestens 15 (noch nicht genau ausgewertet)
* jedoch ist hier kein Risalitgebäude zu finden!
* alle sind Pfostenständergebäude
* größere sind 15m x 15m-18m
* kleinere 10m x 10m
* Gebäude orientieren sich oft an der Einfriedung
* es gibt hier keinen Turmspeicher
* kein Bad! Das deutet auf sehr einfachen status (Bäder fehlen auch in einfachen Steinvillen)
* Es gab Töpferöfen
* 2 Münzen wurden am Ofen gefunden: Claudius und Diocletian (300)
* Töpferofen direkt neben einem Wohngebäude aus Holz! Brandgefahr! War er evtl. erst nach Ende des Gutshofs in Betrieb?
* Eine keltische Fibel ist wohl ein Einzelfund
* 5 Brunnen mit interessanten Funden: z.B. der Boden eines Wasserkübels

Einer der Brunnen entielt zwei 2 Brunnenkästen aus Holz. Die Radiocarbondatierung ergab:
* äußerer Kasten stammt von ca. 131 n. Chr.
* innerer Kasten von 393 n. Chr!
Brunnenkästen müssen alle 5-25 Jahre erneuert werden. Daher ist zu vermuten. daß die Brunnenstelle um 400 wieder aktiviert wurde und keine kontinuierliche Besiedlung vorliegt. Ein auffälliger Lichtwuchs im Jahr 382 beim inneren Brunnenkasten deutet auf Rodungen (Neubesiedlung) hin.

Des weiteren wurde Terra Sigillata von ca. 100 + 2-4 Generationen gefunden.

Vereinzelt fand man Wandziegel und Tuffbrocken was doch auf Steingebäude in der Nähe hinweist, die jedoch nicht ergraben wurden.

Es wurden ca. 130 Proben archäobotanisch ausgewertet und ergaben u.a.:
* Gerste
* Roggen
* Emmer
* Dinkel
* Kolbenhirse
* Linse
* Feigen
* Trauben
* u.a.

Wegemäßig ist eine Anbindung an die Straße Augsburg - Wels ca. 3km weiter südlich zu vermuten - konnte aber bisher nicht identifiziert werden.

Ca. 1km in Richtung SSO wurde ein Pfostenbau mit Brunnen und Kaiserzeitlichem Grab gefunden.

Nochmal zum Vergleich aus Eching: hier fand man aus tiberischer Zeit eine sehr einfache Holzvilla.

Insgesamt hat man inzwischen ca. 30 römische Holzständerbauten gefunden. Dieser Typ lässt sich daher immer besser verstehen. Er ist bis in die Spätantike nachweisbar (Unterbiberg). Was diesem Typ offenbar fehlt ist der repräsentative Bau (Eckrisalit). Vermutlich liegt das daran, dass in der schotterebene kein Bruchsteinmaterial zur Verfügung stand. Für die Schotterebene scheint sich also die Holzvilla als der Standard herauszukristallisieren.

Auf dem Grabungsgelände wurde eine Freifläche im Westen von Poing geschaffen, wo man sich einen Eindruck verschaffen kann (hinter dem Kindergarten). Ein Besuch wird empohlen!

2. P. Volpert, M.A.: Ausgrabungen in der Schotterebene

Vorbemerkunen:

* Foto: Es gibt zeitgenössische Mosaike die Gebäude mit Eckrisalit zeigen.
* Wesentliche Siedlungsachsen waren in vor- und frühgeschichtlicher Zeit: Würm, Isar, Hachinger Bach
* Foto: Badeanlage von Denning - vereinzelte Steingebäude oder gemischt? Hier gibt es gemauerte Keller.
* seit 1974 gibt es in der Gegend ca. 20 neue Fundstellen
* nach Heimstetten benannt ist die "Heimstettener Gruppe" - erkennbar an spezieller Tracht z.B. Nietengürtel bei Frauen (Grabfunde)

Kirchheim

* weitläufige Zaunanlagen, Weideanlagen, Brunnen
* 9000 Einzelbefunde (frühe Bronzezeit bis Kaiserzeit) - Entwirren der Funde noch lange nicht abgeschlossen
* kleine Steintherme Ende 1. Jhdt (direkt an der A99 - Autobahnring)
* es bestand nur noch eine Steinlage
* weitere Steingebäude wurden evtl. bei Bau der A99 zerstört

Aschheim

* kleiner steinkomplex mit Therme - Absyss, Keller, viele Pfostenspuren
* offenbar großes Holzgebäude mit ein bischen Stein (wo Brandgefahr bestand)

3-phasiger Bau
1. reine Holzvilla (Romanisierungsphase, wasserfester Estrich)
2. Keller
3. spätantike Wiederverwendung der mitte 3. Jhdt zerstörten Anlage

* einfache Ausstattung aber durchaus repräsentativ
* wenige Fundstücke:
- Schlüssel, Waage, Messer, Silberdinare
- Getreide und Viehzucht
- verbrannte Fässer in Keller
- Eisenfragmente für kleinen Räderpflug
* Rinderbestattung - daneben eine handvoll Münzen. Funktion ist unklar.
* Getreidedarren als Steingebäude: nachtrocknen und rösten von Getreide. Nachweisbar: Trittbereich,Röstboden
* zerschlagene Mühlsteine mit Eisenkurbel => Handmühle (Kurbelachse waagrecht, Mühlsteinachse senkrecht)

Perlach 95 und 99

* auch hier Gräbchensysteme
* Bachverlauf rekonstruiert (anders als heute)
* Mühlsteine einer römischen Wassermühle: Holzbau mit Wasserrad (waagrechte Achse)
* Steinkeller
* Speicherbau
* im Brandschutt verkohltes Getreide
* Funde Mitte 1. jhdt bis ca. 320 n. Chr.

Unterbiberg (Vivamus)

* hier stammen viele Gräbchen aus der Hallstattzeit
* Gebäude sind eher verstreut => Andersartigkeit der Siedlung
* genaueres im Buch über die Vivamus-Ausgrabungen

Perlach südfriedhof, 2001

* besiedelt im 4./5. Jhdt
* auch hier Gräbchen
* Wassermühle am Hachinger Bach (damals anscheinend westlich der heutigen Unterhachinger Straße)
* nur 500m von der anderen Mühle entfernt! Anscheinend gab es in der Gegend viel Getreide zu mahlen
* afrikanische Terra Sigillata (datiert auf 490-510) belegt eine sehr lange Nutzung des Siedlungsplatzes!
* ein bajuwarisches Gräberfeld schliesst sich nahe an - nur knapp 50 Jahre jünger. Gab es hier eine Kontinuität?

Interpretation

Es sieht so aus als ob Mühlen durchaus als Nebenerwerb dienten. Vielleicht für mehrere Höfe zusammen.

Bislang ist kein Zusammenhang zwischen der keltischen Vorbesiedlung und der ersten Römischen erkennbar (oder nachweisbar). Die jüngste Datierung einer Keltenschanze aus Niederbayern ist 50 v. Chr.

Meist sind die Zufahrten und Strassenverläufe der Villen unklar.

Die Funde deuten neben Getreide auch auf Pferdezucht hin: es wurden spitze Winkel vermieden => Herdendynamik (Tiere würden sich auf einer spitzen Koppel gegenseitig in die Enge treiben). Waren das vielleicht große Koppeln für die Versorgung des Militärs?

(Anmerkung des Autors: so langsam baut sich mir das Bild einer "Western-Ranch" auf: von Zäunen umgeben, großes Eingangstor, Pferdezucht und Koppeln und dazwischen mehrere Holzbauten. Indianer - pardon romanisierte Kelten - arbeiten auf dem Hof als Cowboys und Bauern)

Nikolaus Schaller
Last edited by hns on Tue Feb 13, 2007 9:09 pm, edited 1 time in total.
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Postby hns on Tue Feb 13, 2007 9:05 pm

Geophysik und Archäologie
Montagsvortrag von Dr. Jörg Faßbinder. (22. Jan 2007)


Dr. Faßbinder ist Mitarbeiter des BlfD, Referatsleiter. Seine Dissertation schrieb er über Geophysik in der Archäologie.

Hier finden Sie wieder meine Notizen als Zuhörer vom Vortrag. Irrtümer (insbesondere von Namen) und Missverständnisse stammen von mir.

A. Prospektionsmethoden
Luftbild, Magnetometer, Widerstandsmessung, Radar, weitere.

Das BlfD macht im Jahr ca. 400h Luftbilder um für Magnetometermessungen interessante Themen zu identifizieren.
Nachgewiesen werden durch Magnetmessungen magnetische Mineralien, also z.B. durch Feuer, Siedlungsstellen entstandene Strukturen.
Die natürliche remanente Magnetisierung wird durch Siedlungstätigkeit gestört und wird daher ebenfalls nachweisbar.
Magnetische Bakterien tragen zu Ergebnissen bei und lassen z.B. Holzpfostengruben sichtbar werden.
Die Kartierung erfolgt durch Abschreiten zu Fuß in Quadraten von ca. 40x40m.
Meistens wird ein Cäesiummagnetometer verwendet. Das nutzt aus, daß das Magnetfeld eine Linienaufspaltung des Laserlichts bewirkt, deren Frequenz extrem genau gemmessen werden kann. Man erreicht dabei eine Genauigkeit von 10 picoTesla.
Die Erfassung der Profile erfolgt dann am Computer als Datenmatrix.
Die einfachste Darstellung der Messwerte erfolgt als Graustufen. Inzwischen hat man ausgereifte Bildverarbeitung.
Als Ergebnis erhält man quasi ein "Röntgenbild in den Boden."
Leider macht es schwer, die schönen Ergebnisse zu publizieren denn sie helfen leider modernen Raubgräbern!

B. Beispiele aus dem Neolithikum bis in die Neuzeit
1. Neolithische Kreisanlagen in Künzing Unterberg
Pfostengruben können obwohl unmagnetisch trotzdem sichtbar gemacht werden!
Leider ergolgt ein schleichender Untergang durch Erosion und PLandwirtschaft.
Ein sogenanntes Atheimer Erdwerk wird gefunden. Auch Grabungen von 1914 sind noch nachweisbar!

2. Hallstattzeitliche Herrenhöfe
Im Luftbild ist oft nur zu erkennen daß da etwas ist, aber keine Details.

3. Latenezeitliche Viereckschanze
1m Tiefpflug löst die Magnetspuren weitgehend auf weil sie vermengt werden!

4. Römisches Kastell Burghöfe
Sehr gut erkennbar:
* Via Claudia
* Langhäuser
* Steine (auch im Luftbild durch negative Bewuchsstörung)
* Die Principia ist fast nicht erkennbar -> Widerstandsmessung/Radar

5. Töpfervicus von Ponte Aeni
Die Verdachtsfläche wurde großflächig untersucht
Töpferöfen erzeugen große Störungen, die alles überstrahlen
Der Heimatpfleger Hr. Hager (Vermessungsamt) hat Lesefunde beigestellt so daß man sie vergleichen konnte. Ergebnis: sie wurden wenig verzogen/verschoben.

6. Mittelalterliche Siedlung bei Gerolzhofen, Wüstung

7. Frühmittelalterliche Gräberfelder (Adelsfriedhof) bei Pforzen
Die Eisenwaffen lassen Männergräber vs. Frauengräber erkennen!

8. Skythengrab bei Cica, Südsibirien
Anfangs ging es um ca. 60x80m Fläche in 1 Tag zu untersuchen, ob es eine interessante Fundstelle ist. Russische Archäologen hatten dort Scherben gefunden.
Das Ergebnis war beeindruckend: eine stadtähnliche Siedlung ca. 400x300m mit vielen Grabhügeln, deren Struktur sehr genau darstellbar war.
Ergebnis: ein kompletter Plan der Stadt.

9. Neuer Siedlungstyp im Kaukasus

10. Qantir/Pi-Ramesse im Nildelta, Hauptstadt des Ramses II
Heute ist oberflächlich kaum noch etwas zu finden. Steingebäude fast keine, Lehmziegel gibt es noch ein paar. Grabungen sind recht schwierig, da es Schwemmland ist.
Wegen sehr starker landwirtschaftlicher Nutzung ist keine Luftbildarchäologie möglich. Man muß schnell sein beim geomagnetischen messen, da oft nur ein halber Tag zwischen Ernte und Bewässerung zur Verfügung steht!
Ergebnis: Ziegel zeichnen sich im Magnetbild sehr deutlich ab.
Dadurch konnte ein Palast und eine ganze Stadt sichtbar gemacht werden.

11. Nasca, Peru, Atacamawüste
Die Linien von Nasca sind heute Weltkulturerbe.
Deshalb sind zerstörungsfreie Untersuchungsmethoden wichtig.
Da wir hier in der Nähe des magnetischen Äquators sind, muß die Messung anders geeicht werden.
Neu zu interpretierende Muster im Magnetogramm werden als Blitzschlagmagnetisierung interpretiert.
Ergebnis für die Muster von Nasca: es sind keine "Landebahnen" sondernman kann Gebäude und Pfosten unter den Geoglyphen nachweisen!

12. Uruk um Irak (2001)
Schauplatz des Gilgamesch-Epos. Grabungen erfolgten seit 1912.
Das Gelände zeigt sich voll von Lehmziegelschutt.
Sichtbar konnte gemacht werden:
* Mauer des Gilgamesch
* Gärten
* Hausgrundrisse
* Kanäle
* möglicherweise ein Hafenbecken

C. Fragen und Antworten
Wie groß ist die erreichbare Messtiefe?
1-2m, manchmal 3-4m - die interessante Archäologie spielt sich meist in diesem Bereich ab.

Wieso kann man Holz nachweisen?
Bakterien reichern Eisen als Magnetit an und orientieren sich damit am Erdmagnetfeld. Diese Ansammlung ist meßbar.

Kann man überlagerte Schichten trennen?
Das wird problematisch. Sich schneidende Grabenwerke kann man oft auseinanderhalten

Gibt es auch Messungen mit Längstwellen?
Nicht in der Arbeitsgruppe in München.

Kann man eine Messung "bestellen"?
Nein. Das BlfD hat als Aufgabe, die gefährdeten Denkmäler zu schützen und wo es nicht geht zu dokumentieren. Das setzt die Prioritäten. Außerdem besteht das Problem der Raubgräberei, sobald Ergebnisse bekannt werden.
hns
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Postby hns on Tue Feb 13, 2007 9:27 pm

Monumental. Römische Grabbauten an der B25 bei Großsorheim im Ries
Montagsvortrag von Dr. Wolfgang Czysz (Aussprache: Tschech). (12. Feb 2007)


Dr. Czysz ist Mitarbeiter des BlfD, Schwerpunkt römisches Schwaben und Ries.

Hier finden Sie wieder meine Notizen als Zuhörer vom Vortrag. Wie immer stammen Irrtümer (insbesondere von Namen) und Missverständnisse von mir.

Historische Berichte
Rettenbacher berichtet um 1800 in Briefen von einem Turm, der 1792 für Chaussee-Bauarbeiten (B25 läuft auf dem Damm der alten Römerstraße Augsburg-Nördlingen) und Schloss Wallerstein abgebrochen wurde.

Frickinger gräbt 1912 und findet weitere Architekturteile.
Sehen aus wie ein Wasserrinne oder Badanlage. Er findet auch Gräber und Eisenteile, die sich heute als römischer Klappstuhl herausstellen.

Moderne Funde
Ein Zufall (Dr. Czysk fuhr am Wochenende vorbei und sah den drohenden Bagger) rettet die Anlage und es erfolgen Grabungen 2005 und 2006.

Sie zeigen u.a. ein Fundament 4x4m, 1,7m tief aus Bruchsteinen.

Der Grundwasserspiegel liegt nur wenig unter dem Boden (Steppbach). Durch Stauwasser hat sich deshalb auch Holz erhalten. Die Dendrochronologie zeigt 155 n. Chr. +/- 10 sowie 1792 (Steinräuber, Chauseearbeiter).

Hebelöcher der Steine sind teilweise noch zu erkennen.

Interpretationen
Die Steine zeigen sehr unterschiedlichen Bearbeitungsgrad - teilweise sehr grob oder fein.

Manche Architekturteile von 1912 lassen sich gut als römische Grabbauten identifizieren: Pilaster, Reliefs, pinienzapfenförmige Steine (Dachreiter, Abschlußstein), Schuppenmuster (Dach).

Wahrscheinlich war das Monument rot u. weiss bemalt.

Die gesamte "Ausbeute" sind ca. 20 Paletten, die z. Tl. nur mit dem Gabelstapler bewegt werden können.

Die Halbsäulen bzw. Rinnen sind doch keine Wasserrinnen, sondern Teile einer bei uns seltenen anzutreffenden Dachkonstruktion.

Unklar sind aber noch die Gesimse-Rinnenteile (sehr gross und schwer).

Beispiel Traufnase: Tropfleiste ist ein Indiz für sehr hochwertig ausgeführte Architektur.

Kürzlich wurden erste Aufnahmen mit einem Laserscanner gemacht. Sie ergeben ein Computermodell mit 3mm Auflösung.

Weitere Details: Steine wurden offenbar mit eisernen Klammer verbunden und die Spalte mit Blei vergossen.

Vorbild scheint eines der 7. Weltwunder aus Harlikanassos zu sei: das Grabgebäude des Mausolos

Gesamtinterpretation
Es war eine Grabanlage mit monumentalen Grabbauten. Damit stellt sich die Frage: Wer hat sich da so protzig dargestellt?

Die Anlage liegt direkt an der alte Römerstrasse von Augsburg nach Nördlingen (am Lech nach Norden, über die Donau). Bei den Grabungen konnte gezeigt werden, daß ein Fahrweg (Kieszone) abzweigt. Die Richtung deutet auf eine schon länger bekannte Villa Rustica hin. Außerdem treffen sich einige Römerstraßen in der Gegend (kleine Strassenspinne).

Sie ist eine große Villa Rustica mit schiefwinkliger Umfassungsmauer von ca. 120m Seitenlänge. Im Luftbild erkennt man u.a. Wohngebäude, Bäder.

Die Kieszone scheint auf eine Hofeinfahrt (Lücke in der Umfassungsmauer) zu führen. Oder eine andere Straße führte mit einem Knick dann an der Umfriedung der Anlage vorbei (oder gar beides).

Der nächste Hinweis ist der Klappstuhl. Das waren in der Antike Herrschaftsinsignien und zeigen den sozialen Status des Besitzers. Nur wer sitzen darf hat etwas zu sagen...

Vermutung: Hier wohnte ein "Stadtrat" der Provinzhauptstadt Augsburg. Insignien von Dekurionen der Provinzhauptstadt Augsburg wurden z.B. in Epfach oder Gauting gefunden. Das liegt genauso wie Großsorheim im Umkreis von weniger als 1 Tagesreise von Augsburg entfernt.

Deutung: Familiensitz eines Augsburger Stadtrats...

Fragen und Antworten
Wann wurde das Gebiet aufgegeben?
Wohl im 3. Jahrhundert.

Status der gescannten Steine?
Die Arbeiten haben erst begonnen um die Methode kennenzulernen - aber für eine vollständige Untersuchung ist das Geld knapp...

Inschriften?
Keine gefunden.

Was ist mit den Steinen im Wallersteiner Schloss?
Hier bröckelt der Putz, so daß man mehr und mehr Spolien findet... Nicht alle stammen von Großsorheim.

Eingangs erwähntes Brunnenheiligtum oder Grabbauten?
Gesimse gehören nicht zu den Fundamenten. Tempel müsste echte Säulen haben - bisher nichts gefunden.
Man hat sicher noch nicht alles gefunden, es gibt auch immer mal wieder weniger exponierte, zurückgezogene Gräber.

War es schon immer so naß dort?
Anscheinend gab es schon eine römischen Wasserabzugsgraben.

Material des Baus?
Weiser Jurakalk, aus der Heidenheimer Gegend. Römer haben Suevit nur in Muningen verwendet

Gibt es etwas Neues vom Kastell in Nördlingen?
Es gibt zwar weitere Indizien, aber bisher keine Kastellgräben gefunden.

Ist die Villa nicht zu primitiv für den hochwertigen Grabbau?
Kann man nicht sagen. Da die Villa nicht vollständig ausgegraben ist, kennt man keine Details.
hns
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