hns wrote:16.1.2006, 19 Uhr, Montagsvortrag in der alten Münze
Dr. Martin Pietsch, Peter Volpert M.A.: Strukturen römischer Besiedlung im Großraum München
Strukturen römischer Besiedlung im Grossraum München
Montagsvortrag von Dr. Martin Pietsch, Peter Volpert M.A. (13. Feb 2006)
Der Vortrag wurde getauscht mit dem von Dr. Sommer und fand deshalb erst am 13. Februar statt.
Hier finden Sie meine Notizen als Zuhörer vom Vortrag (auf einem Sharp-Zaurus-PDA mitgetippt).
Irrtümer (insbesondere von Namen) und Missverständnisse stammen von mir.
Begrüßung:
Bis vor 25 Jahren dachte man der Grossraum München (Schotterebene) sei in römischer Zeit sehr wenig besiedelt worden.
Durch hohen Baudruck seit Ende der 70er Jahre wurden jedoch zahlreiche Ausgrabungen notwendig um die Erkenntnisse zu retten.
Dabei zeigte sich ein enges und dichtes Netz genauerer Strukturen über die Dr. Pietsch und Hr. Volpert berichten.
1. Dr. M. Pietsch, Referat Oberbayern: Was sind römische Villen?
Die Villa Rustica steht im Gegensatz zur Vila Urbana und ist kein Herrschaftshaus sondern ein Gutshof/Bauernhof. Es gibt keine Vorbilder für die Villae nörlich der Alpen im zentralen Rom. Die Siedlungsformen Vicus und Haufendorf hat es in Oberbayern anscheinend nicht gegeben.
Die Villa Rustica von Poing (2004) ist die die erste vollständig ausgegrabene im Grossraum München.
Typisch für eine Villa Rustica ist:
* Lage auf einer Terasse
* 1,5m hohe Einfriedung
* Gestaltung
* in der Mitte oder am Rand mehrere Wohn- und Wirtschaftsgebäude
* Haupteingang
* oft gibt es Porticus und Eckrisalit
* Innenhof
* Badegebäude gilt als Indikator der römischen Zivilisation
Es wurden verschiedene Fotos und Skizzen gezeigt, so z.B. der teilweise wiedererrichteten Villa in Hechingen-Stein (Baden Württemberg)
Im Münchner Raum fehlen jedoch Villengebäude aus Stein! 20 Jahre Grabungen ergaben keine kompletten Steinvillen (allenfalls Teile z.B. Keller, Fundament).
Die Grabung von 2003 und 2004 in Poing erfaßte 12 ha Fläche. Dabei wurden zwei (vielleicht auch mehr) vollständige römische Gutshöfe in Holzkonstruktion ergraben.
Erkenntnisse sind:
* grossräumige Einfriedung
* mehrere Wirtschaftsgebäude
* Abstand der Hofstellen in Poing nur 7m! (als typisch gilt eigentlich ein Abstand von 1km z.b. in NRW)
* Hof 1 hat kaum mehr als 1 Bauphase
* Hof 2 hat viele Überschneidungen, mindestens 3 Bauphasen erkennbar
* typisch wären 5 Fuß hohe Mauern - hier offenbar aus Holz
* Zaunanlagen halten aber kaum mehr als 5-10 Jahre (und müssen dann erneuert werden => kontinuierliche Pflege)
* Bündel von parallelen und sich schneidenden Gräbchen
Vergleiche:
* Eching bei Freising
* flache Gräbchen sind meist 30-40cm breit
* es gibt auch tiefe Gräben 2m x 2m in Obergermanien
* Gräbchenlängen 100m
* kleine römische Gutshöfe haben 1-4 ha pro Villa Rustica
* das deutet auf Flechtwerkzäune, seltener Bretterzäune (vgl. Buchmalereien aus d. Mittelalter die solche Flechtzäune darstellen)
Weitere Erkenntnisse aus Poing:
* 18 Tore - die Zaungräbchen gehen eindeutig in Pfostengruben über
* Tore sind 3,5-4m breit, kleinere nur 2m
* mehrere verstreute Gebäude
* Hof 2 hat mindestens 15 (noch nicht genau ausgewertet)
* jedoch ist hier kein Risalitgebäude zu finden!
* alle sind Pfostenständergebäude
* größere sind 15m x 15m-18m
* kleinere 10m x 10m
* Gebäude orientieren sich oft an der Einfriedung
* es gibt hier keinen Turmspeicher
* kein Bad! Das deutet auf sehr einfachen status (Bäder fehlen auch in einfachen Steinvillen)
* Es gab Töpferöfen
* 2 Münzen wurden am Ofen gefunden: Claudius und Diocletian (300)
* Töpferofen direkt neben einem Wohngebäude aus Holz! Brandgefahr! War er evtl. erst nach Ende des Gutshofs in Betrieb?
* Eine keltische Fibel ist wohl ein Einzelfund
* 5 Brunnen mit interessanten Funden: z.B. der Boden eines Wasserkübels
Einer der Brunnen entielt zwei 2 Brunnenkästen aus Holz. Die Radiocarbondatierung ergab:
* äußerer Kasten stammt von ca. 131 n. Chr.
* innerer Kasten von 393 n. Chr!
Brunnenkästen müssen alle 5-25 Jahre erneuert werden. Daher ist zu vermuten. daß die Brunnenstelle um 400 wieder aktiviert wurde und keine kontinuierliche Besiedlung vorliegt. Ein auffälliger Lichtwuchs im Jahr 382 beim inneren Brunnenkasten deutet auf Rodungen (Neubesiedlung) hin.
Des weiteren wurde Terra Sigillata von ca. 100 + 2-4 Generationen gefunden.
Vereinzelt fand man Wandziegel und Tuffbrocken was doch auf Steingebäude in der Nähe hinweist, die jedoch nicht ergraben wurden.
Es wurden ca. 130 Proben archäobotanisch ausgewertet und ergaben u.a.:
* Gerste
* Roggen
* Emmer
* Dinkel
* Kolbenhirse
* Linse
* Feigen
* Trauben
* u.a.
Wegemäßig ist eine Anbindung an die Straße Augsburg - Wels ca. 3km weiter südlich zu vermuten - konnte aber bisher nicht identifiziert werden.
Ca. 1km in Richtung SSO wurde ein Pfostenbau mit Brunnen und Kaiserzeitlichem Grab gefunden.
Nochmal zum Vergleich aus Eching: hier fand man aus tiberischer Zeit eine sehr einfache Holzvilla.
Insgesamt hat man inzwischen ca. 30 römische Holzständerbauten gefunden. Dieser Typ lässt sich daher immer besser verstehen. Er ist bis in die Spätantike nachweisbar (Unterbiberg). Was diesem Typ offenbar fehlt ist der repräsentative Bau (Eckrisalit). Vermutlich liegt das daran, dass in der schotterebene kein Bruchsteinmaterial zur Verfügung stand. Für die Schotterebene scheint sich also die Holzvilla als der Standard herauszukristallisieren.
Auf dem Grabungsgelände wurde eine Freifläche im Westen von Poing geschaffen, wo man sich einen Eindruck verschaffen kann (hinter dem Kindergarten). Ein Besuch wird empohlen!
2. P. Volpert, M.A.: Ausgrabungen in der Schotterebene
Vorbemerkunen:
* Foto: Es gibt zeitgenössische Mosaike die Gebäude mit Eckrisalit zeigen.
* Wesentliche Siedlungsachsen waren in vor- und frühgeschichtlicher Zeit: Würm, Isar, Hachinger Bach
* Foto: Badeanlage von Denning - vereinzelte Steingebäude oder gemischt? Hier gibt es gemauerte Keller.
* seit 1974 gibt es in der Gegend ca. 20 neue Fundstellen
* nach Heimstetten benannt ist die "Heimstettener Gruppe" - erkennbar an spezieller Tracht z.B. Nietengürtel bei Frauen (Grabfunde)
Kirchheim
* weitläufige Zaunanlagen, Weideanlagen, Brunnen
* 9000 Einzelbefunde (frühe Bronzezeit bis Kaiserzeit) - Entwirren der Funde noch lange nicht abgeschlossen
* kleine Steintherme Ende 1. Jhdt (direkt an der A99 - Autobahnring)
* es bestand nur noch eine Steinlage
* weitere Steingebäude wurden evtl. bei Bau der A99 zerstört
Aschheim
* kleiner steinkomplex mit Therme - Absyss, Keller, viele Pfostenspuren
* offenbar großes Holzgebäude mit ein bischen Stein (wo Brandgefahr bestand)
3-phasiger Bau
1. reine Holzvilla (Romanisierungsphase, wasserfester Estrich)
2. Keller
3. spätantike Wiederverwendung der mitte 3. Jhdt zerstörten Anlage
* einfache Ausstattung aber durchaus repräsentativ
* wenige Fundstücke:
- Schlüssel, Waage, Messer, Silberdinare
- Getreide und Viehzucht
- verbrannte Fässer in Keller
- Eisenfragmente für kleinen Räderpflug
* Rinderbestattung - daneben eine handvoll Münzen. Funktion ist unklar.
* Getreidedarren als Steingebäude: nachtrocknen und rösten von Getreide. Nachweisbar: Trittbereich,Röstboden
* zerschlagene Mühlsteine mit Eisenkurbel => Handmühle (Kurbelachse waagrecht, Mühlsteinachse senkrecht)
Perlach 95 und 99
* auch hier Gräbchensysteme
* Bachverlauf rekonstruiert (anders als heute)
* Mühlsteine einer römischen Wassermühle: Holzbau mit Wasserrad (waagrechte Achse)
* Steinkeller
* Speicherbau
* im Brandschutt verkohltes Getreide
* Funde Mitte 1. jhdt bis ca. 320 n. Chr.
Unterbiberg (Vivamus)
* hier stammen viele Gräbchen aus der Hallstattzeit
* Gebäude sind eher verstreut => Andersartigkeit der Siedlung
* genaueres im Buch über die Vivamus-Ausgrabungen
Perlach südfriedhof, 2001
* besiedelt im 4./5. Jhdt
* auch hier Gräbchen
* Wassermühle am Hachinger Bach (damals anscheinend westlich der heutigen Unterhachinger Straße)
* nur 500m von der anderen Mühle entfernt! Anscheinend gab es in der Gegend viel Getreide zu mahlen
* afrikanische Terra Sigillata (datiert auf 490-510) belegt eine sehr lange Nutzung des Siedlungsplatzes!
* ein bajuwarisches Gräberfeld schliesst sich nahe an - nur knapp 50 Jahre jünger. Gab es hier eine Kontinuität?
Interpretation
Es sieht so aus als ob Mühlen durchaus als Nebenerwerb dienten. Vielleicht für mehrere Höfe zusammen.
Bislang ist kein Zusammenhang zwischen der keltischen Vorbesiedlung und der ersten Römischen erkennbar (oder nachweisbar). Die jüngste Datierung einer Keltenschanze aus Niederbayern ist 50 v. Chr.
Meist sind die Zufahrten und Strassenverläufe der Villen unklar.
Die Funde deuten neben Getreide auch auf Pferdezucht hin: es wurden spitze Winkel vermieden => Herdendynamik (Tiere würden sich auf einer spitzen Koppel gegenseitig in die Enge treiben). Waren das vielleicht große Koppeln für die Versorgung des Militärs?
(Anmerkung des Autors: so langsam baut sich mir das Bild einer "Western-Ranch" auf: von Zäunen umgeben, großes Eingangstor, Pferdezucht und Koppeln und dazwischen mehrere Holzbauten. Indianer - pardon romanisierte Kelten - arbeiten auf dem Hof als Cowboys und Bauern)
Nikolaus Schaller