Wo liegen Abodiacum, Bratananium und Urusa?

Hier gehts um alles was mit Römern in Raetien und speziell rund ums Hachinger Tal zu tun hat. Angefangen mit der Römerstrasse über die Villa Rustica in Taufkirchen und "Vivamus" bis zur Tabula Peutingeriana, dem Itinerarium Antonini und den Notitia Dignitatum.

Wo liegen Abodiacum, Bratananium und Urusa?

Postby hns on Fri Feb 15, 2008 10:26 pm

Ein weiteres großes nicht endgültig gelöstes Problem der Römerstraßenforschung in Bayern ist die Lokalisierung der Orte Bratananium und Urusa aus der Tabula Peutingeriana http://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost03/Tabula/tab_intr.html, http://de.wikipedia.org/wiki/Tabula_Peutingeriana.

Allgemein gilt das zwar als gelöst und zwar mit Abodiacum in Epfach, Urusa in Raisting und Bratananium in Gauting. Aber es bleiben Zweifel, da die Entfernungsangaben nicht mit der Realität zusammenpassen. Man kann nun einfach annehmen, dass es einfach zuviele Überlieferungsfehler gegeben hat und das Problem zu den Akten legen.

Oder man glaubt nicht, dass die Römer derartig schlampig waren (insbesondere da sie sehr genaue Streckenmeßinstrumente hatten http://de.wikipedia.org/wiki/Hodometer) und zieht damit die gängigen Interpretationen in Zweifel. Das haben in neuerer Zeit mehrere Autoren versucht und das wollen wir nun genauer betrachten.

Die Orte und Entfernungen nach der Tabula Peutingeriana
Die Tabula Peutingeriana gibt die Orte und Entferungen (1 m.p. = 1480m) wie folgt an (Entfernungen beziehen sich immer auf den davorliegenden Ort):

Isunisca.
Bratananio. XII. 17,8 km
Urusa. XII. 17,8 km
Abodiaco. XIII. 19,2 km
Escone. XVIII. 26,6 km
Camboduno. XX. 29,6 km

Seltsam erscheint der weitere Verlauf über Kempten (Cambodunum) und dann erst nach Augsburg. Das soll jedoch hier noch nicht weiter diskutiert werden.

Die Standardinterpretation
Die Standardinterpretation geht auf den "Altmeister" der bayerisch-rätischen Römerforschung Paul Reinecke (1872-1958) und teilweise sogar noch seine Vorgänger zurück. Er erkannte - auch durch Vergleich mit dem Itinerarium Antonini - dass Isinisca offenbar in der Gegend von Kleinhelfendorf liegen müsste und Ambrae bei Schöngeising (an der Ammer). Zwischen diesen Orten ist die heute "Via Julia" genannte Straße von Salzburg nach Augsburg archäologisch gut erforscht und sowohl im Satellitenbild als auch in der Natur heute noch gut sichtbar.

Problematisch ist der Verlauf der Tabula-Strecke über Kempten, das ja eindeutig nicht an der Via Julia liegt. Jedoch ist inzwischen eine weitere Straße von Gauting nach Kempten zumindest stückweise nachgewiesen und Paul Reinecke ahnte oder wußte das bereits und schlug deshalb vor, dass die Tabula diese Abzweigung berücksichtigt.

Also legte er die Orte 1919 wie folgt fest (Kleine Schriften zur Vor- und Frühgeschichtlichen Topographie Bayern, Straße Nummer 9a, 9b):

Isinisca: Kleinhelfendorf
Bratananium: Gauting (oder am Isarübergang)
Urusa: Raisting oder Vorderfischen
Abodiacum: Epfach

In Gauting wurde inzwischen eine größere Handelssiedlung nachgewiesen mit mindestens einigen hundert Einwohnern. In Raisting wurde eine Straßenkreuzung gefunden und Gebäudereste als Militärstation interpretiert.

Messen wir doch mal nach (Luftlinie nach Google Earth; in Klammern die Entfernung nach der TP):

Kleinhelfendorf - Gauting: 34km (18km)
Gauting - Raisting: 25km (18km)
Raistig - Epfach: 15km (19km)
Epfach - Kempten: 48km (56km)

Das passt zwar grob zusammen, aber nicht in den Details und vor allem nicht von Gauting nach Kleinhelfendorf.

Wo liegen die Orte oder die Straße?
Einen naheliegenden Ansatz haben einige neuere Autoren verfolgt: sie suchen einfach Alternativen zur Via-Julia-Route die besser zu den Tabulaentfernungen passen.

Hier sind zu nennen:

1. J. Stern, Römerräder in Rätien und Noricum, 2003http://www.jakobus-weg.de/aRoradw/roemstr/viaeromanae.htm

Nach seiner Meinung lief die Straße südlich um den Starnberger See herum. Die Orte lokalisiert er wie folgt:

Isinisca: Kleinhelfendorf
Bratananium: Babenstuben (südl. von Wolfratshausen)
Urusa: Magnetsried
Abodiacum: Peissenberg (und Epfach), d.h. Name für eine Gegend

Damit gelingt es ihm eine große Stimmigkeit mit den Entfernungsangaben herzustellen, allerdings muss er zwischen Isunisca und Bratananium 10 m.p. zuschlagen.

Auf archäologisch bestätigte Straßenfunde kann er nur in der Nähe von Polling verweisen.

2. J. Freutsmiedl, Römische Straßen der Tabula Peutingeriana in Noricum und Raetien, 2005, ISBN 3-933474-36-1 http://www.buchhandel.de/detailansicht.aspx?isbn=978-3-933474-36-0

Nach seiner Meinung verlief diese Straße sowohl südlich des Chiemsees als auch des Starnberger Sees. Für ihn sind alle Entfernungsangaben exakt (d.h. keine Schreib- und Überlieferungsfehler) und beruhen auf einer Vermessungsstraße die wohl am Anfang des 1. Jhdts. n. Chr. gebaut wurde.

Die Orte lokalisiert er deshalb wie folgt:

Isunisca: Wachlehen bei Miesbach
Bratananium: Bad Tölz
Urusa: Untereurach bei Iffeldorf oder Sindelsdorf
Abodiacum: Peißenberg

Helfendorf ist für ihn "Isunisca 2", also eine spätere Verlagerung von Straße und Siedlung. Für "Urusa" in dieser Gegend spricht für ihn, dass der Name relativ häufig in Orten der Gegend vorkommt: Eurach, Mooseurach, Eurasburg.

Epfach ist bei ihm möglicherweise eine Neugründung nach Zerstörung der alten Station Abodiaco.

3. H. Bauer, Die römischen Fernstraßen zwischen Iller und Salzach, 2007, ISBN 978-3-8316-0740-2http://www.utzverlag.de/buecher/40740dbl.pdf

Dieser Autor hält archäologische Belege für viel unwichtiger als etymologische Namensähnlichkeiten und lokalisiert Isinisca deshalb in Isen. Damit postuliert er einen Verlauf deutlich nördlich der Via Julia und verlegt den Ammerübergang Ambrae von Schöngeising nach Dachau.

Die Orte lokalisiert er damit wie folgt:

Isinisca: Isen
Bratananium: Pretzen (bei Erding)
Urusa: Eresing (bei Geltendorf)
Abodiacum: Epfach

Damit dieser Streckenverlauf überhaupt plausibel wird muss er den Autoren der Tabula unterstellen, dass sie zwischen Bratananium und Urusa gleich zwei Stationen vergessen haben: Ambrae (bei ihm ist das Dachau) und die Station bei Schöngeising, die keinen Namen bekommt.

Insgesamt halte ich diesen Ansatz für weit weniger stimmig als alle anderen bisherigen Lokalisierungen.

Ist Epfach wirklich Abodiacum?
Die Alternativvorschläge haben alle drei den Vorteil, dass die Entfernungsangaben besser passen - jedoch einen entscheidenen Nachteil: auf keinem der beschriebenen Streckenverläufe wurden bisher römische Straßenfunde gemacht. Und die einschlägigen Funde aus Gauting und Raisting bleiben bei ihnen fast unberücksichtigt.

Das kann zwar daran liegen, dass die Beiträge der Autoren bisher nicht in die wissenschaftliche Arbeit aufgenommen wurden. Aber es kann eine ganz andere Ursache haben: dass es nämlich doch die Via Julia war.

Damit hätte Paul Reinecke doch recht - wenn nur die Entfernungen passen würden. Aber schauen wir uns diese nochmals an, aber nicht bevor wir einen "Fixpunkt" der raetischen provinzial-römsichen Forschung diskutiert haben: Epfach.

Unbestritten gibt es in Epfach auf dem Lorenzberg vielfältige Funde aus römischen Zeiten, die auf eine größere, blühende Siedlung und größere Militärstation hinweisen. Außerdem ist eine Lechbrücke inzwischen unterwasserarchäologisch nachgewiesen. Dieser Straßenkreuzungsort wird offenbar seit ca. 200 Jahren (wenn nicht noch länger) als das antike Abodiacum identifiziert.

Trotz intensiver Suche habe ich jedoch noch keinen schlüssigen Beweis finden können, der völlig ausschließt, dass ein anderer Ort für Abodiacum in Frage kommt. Was für Epfach spricht:

* die Entfernung ist lt. Itinerarium Antonini (wo der Ort als Abuzaco ebenfalls auf einer Nord-Südstraße vorkommt) nach Augsburg stimmig (ca. 53km)
* der Name Epfach soll über Eptatikum, Eptiacus von Abodiacum (bzw. Abuzacum) abstammenhttp://www.denklingen.de/sites/geschichte/epfach.htm
* Claudius Paternus Clementianus soll aus Abodiacum stammen und seinen Lebensabend dort verbracht haben, weil man in Epfach eine Inschrift zu seinen Ehren gefunden hat.

Die Inschrift lautethttp://www.legioxi.ch/texte/h_persnam.htm:
Cl(audius) Paternus Clementianus / Pro(curator) Aug(usti) / Provinciarum Iudaeae / Sardinae Africae er Norici / Praef(ectus) Eq(uitum) Alae Silianae / Torquatae C(ivum) R(omanorum) / Trib(unus) Mil(itum) Leg(ionis) / XI Claud(iae) Praef(ectus) Coh(ortis) I Classica fecit.
Die Übersetzung lautet:
Claudius Paternus Clementianus, Kaiserlicher Statthalter der Provinzen Judäa, Sardinien, Afrika und Noricum, Reiterpräfekt der Reitereinheit Siliana Torquata römischer Bürger, Militärtribun der 11. Claudischen Legion, Präfekt der 1. Flottenkohorte, hat (das Monument) errichtet.


Mir scheint keiner dieser Gründe stichhaltig: es gibt auch andere Orte in passender Entfernung - und wenn die historischen Dokumente so fehlerhaft sind, warum sollen sie genau hier stimmen? Die etymologische Ableitung halte ich für schwer nachvollziehbar. Eher plausibel wäre m.E. eine Ableitung aus Hepteris (Siebenruderer) oder Septimus Severus - aber das soll hier keine etymologische Argumentation werden.

Und auch die Tatsache dass man eine Inschrift von Claudius Paternus Clementianus in Epfach gefunden hat bedeutet wenig für den Ortsnamen, sondern sagt nur etwas über die große Bedeutung des Ortes aus.

Und ein anderes Dokument das eine enge Beziehung von Claudius Paternus Clementianus zu Abodiacum und damit indirekt Epfach eindeutig herstellt, habe ich auch nicht identifizieren können.

Wie man daraus schließt, dass Claudius Paternus Clementianus in Epfach geboren wurde und Epfach damit Abodiacum ist habe ich bisher nicht herausfinden können.

Wenn einer der Leser die Beweiskette kennt würde ich mich sehr über eine Nachricht freuen.

Solange diese aber nicht vorliegt, erlaube ich mir daher diesen "Fixpunkt" der Bayerischen Römerstraßenforschung ernsthaft in Zweifel zu ziehen.

Ein neuer Lösungsvorschlag
Wenn wir also einmal annehmen, dass Abodiacum nicht in Epfach liegt, wo dann? Und da Epfach ein bedeutender Ort war, wo taucht er dann in der Tabula oder im Itinerarium Antonini auf?

Was wissen wir über Abodiacum?

Der Ort wird in der Tabula insgesamt zweimal genannt - einmal auf der Strecke von Salzburg nach Kempten und einmal als Auodiaco (leider ohne Entfernungsangaben) auf einer Strecke von Innsbruck über Partenkirchen nach Augsburg.

Zum anderen wird er als Abuzaco im Itinerarium Antonini genannt, auch dort (mit bereits erwähnter Entfernungsangabe XXXVI m.p. 53,3 km ab Augsburg).

Da sich diese Strecken mit den bekannten Endpunkten zwangsläufig irgendwo in Südbayern kreuzen müssen ist Abodiaco (bzw. Auodiaco und Abuzaco) ein Straßenkreuzungsort. Denkbar wären jedoch auch zwei T-förmige Abzweigungen. Also eine Hauptstraße von der an verschiedenen Stellen zwei andere Straßen abzweigen - eine kilometerweit vor dem Ort und eine weit hinter dem Ort. Auf einem Itinerar ohne topografische Angaben würde das dennoch als Kreuzung erscheinen.

Wo sind nun Straßenkreuzungen bekannt?
1. Epfach (mit Lechbrücke)
2. Raisting (Kreuzung der Straße von Gauting - Kempten mit der über Weilheim nach Augsburg)
3. Gauting

Variante 1. ist ja die Standardvariante. Variante 3. ist für Abodiacum auszuschließen, da man damit keinerlei Stimmigkeit erreicht.

Aber warum wurde offenbar noch nie in Erwägung gezogen, die Straßenkreuzung Abodiacum in Raisting zu lokalisieren? Vor allem, da die Entfernung von Augsburg nach Raisting (über Geltendorf) ebenfalls ca. 53km beträgt.

Damit kann Raisting aber nicht mehr Urusa sein, sondern das wäre dann Gauting. Und Bratananium muss dann auf der Via Julia zwischen Gauting und Kleinhelfendorf gesucht werden. Etwa auf halber Strecke am Gleißental bei Deisenhofen.

Probieren wir das einfach aus.

Isinisca: Kleinhelfendorf
Bratananium: zwischen Gauting und Kleinhelfendorf
Urusa: Gauting
Abodiacum: Raisting

Messen wir wieder nach:

Kleinhelfendorf - Gauting: 34km (18+18km = 36km)
Gauting - Raisting: 25km (19km)

Zumindest die Luftlinienentfernung Helfendorf-Gauting passt nun auf 2km genau, wobei die Straße bekanntlich besonders beim Isarübergang größere Kurven aufweist. Wenn man genauer mißt dann kommt man noch besser hin.

Die Entfernung Gauting - Raisting ist aber leider nicht exakt.

Sofern unsere Lokalisierung stimmt (das ist hier eine Prämisse!) ist diese Abweichung die Folge eines Schreibfehlers. Um ihn einzugrenzen müssen wir exakter messen (Google Earth unter Berücksichtigung des einigermaßen bekannten Straßenverlaufs über Mühlthal, Söcking, Machtlfing, Fischen): 27,5km

27 km sind XVIII m.p. dagegen sind in der Tabula XIII angegeben, was ein verlorengegangenes V bedeutet (solche Überlieferungsfehler um V oder X m.p. sind öfters festzustellen und auf der Strecke von Passau nach Regensburg auch eindeutig nachweisbar).

Damit wäre diese Lokalisierung der Tabula-Orte durchaus plausibel und erwägenswert für weitere Forschungen, da sie

a) an realen Straßen liegt,
b) die Entferungen ziemlich gut passen,
c) und sie bereits bekannte Fundstellen benennt.

Schlußgedanken
Was machen wir aber mit Epfach, das dann im Widerspruch zur gesamten Forschungsliteratur der letzten Jahrzehnte nicht mehr Abodiacum wäre.

Hier habe ich einen anderen Vorschlag, der noch im Detail zu diskutieren sein wird:

Epfach ist das "Rostro Nemaviae" aus dem Itinerarium Antonini und eventuell das "Ad Novas" (Navis?) aus der Tabula.

Rostrum ist der (eiserne) Schiffsschnabel. Das könnte ein Hinweis auf Schiffsbauer in diesem Ort sein. Epfach liegt am Lech, und dort sogar an einer Brücke. Und die Ableitung "Hepteris" -> "Epfach" würde ebenfalls aus dem Umfeld der Schiffahrt stammen. Aber das ist reine etymologische Spekulation.
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Postby hns on Sat Feb 16, 2008 1:25 pm

Zur Illustration der im vorigen Beitrag genannten Orte:

http://www.lechrain-geschichte.de/VKW_Verkehrswege.html

Image

Man erkennt deutlich das es nicht nur in Epfach sondern auch in Raisting eine bedeutsame Straßenkreuzung gab. Daher könnte Abodiacum ebenso in Raisting zu lokalisieren sein.
hns
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