Ein ungelöstes Problem der Römerstraßenforschung in Raetien ist die Lage von Turo. Im Itinerarium Antonini wird (nach Cuntz) folgende Strecke angegeben:
259,3 Item a Ponte Aeni ad Castra m.p. CL:
4 Turo m.p. XLIIII
5 Iovisura m.p. LXIIII
6 Ad Castra m.p. XLII.
Da man Ponte Aeni sehr eindeutig als die Innbrücke bei Pfaffenhofen nördlich von Rosenheim identifiziert hat und Castra = Regina Castra = Regensburg ist, muß das eine Straße eben von Rosenheim nach Regensburg sein.
Traditionell (z.B. Reinecke, Walser) wird Turo bei Dorfen oder Haag gesucht, während Iovisura bei Landshut gesucht wird. Weitere Lokalisierungsversuche sind Töging (Rudolf Münch), Altötting (Bernhard Zöpf) und sogar Burghausen (Josef Stern). Nach meinem Kenntnisstand konnte jedoch noch keiner dieser vielen angenommenen Straßenverläufe wirklich archäologisch nachgewiesen werden. Es gibt allerdings Hinweise die ich nicht verschweigen möchte: http://www.ak-edling.de/Aktionskreis%20 ... trasse.htm und http://www.edling.de/gemeinde.php?site=chronik
Ludwig Tafelmayer schreibt zwar in einem Zeitungsbeitrag von Materialgruben bei der Andräkapelle in der Nähe von Furth bei Dorfen und auch die einigermaßen identifizierte Straße von Innsbruck bis Rosenheim läßt eine geradlinige Fortsetzung bis Regensburg sehr plausibel erscheinen.
Allerdings hat man dann ein Problem - eben das Turo-Problem - daß die Entferungsangaben des Itinerariums überaupt nicht zu den realen Entfernungen passen. Die direkte, geradlinige Strecke ist nur ca. 2/3 so lang wie die angegebene. Man hat daraus (und aus anderen Ungereimtheiten) einfach geschlossen, daß die Entfernungsangaben des Itinerariums relativ verfälscht überliefert wurden und unterstellt den Kopisten eine Vielzahl von Schreibfehlern.
J. Stern geht sogar soweit, daß er unterstellt, daß Turo gar nicht zu dieser Straße von Rosenheim nach Regensburg gehört, sondern eine Stichstraße ist die nach Burghausen führt. Und irgendeinem Abschreiber ist das so einfach versehentlich dazwischengerutscht.
Da damals aber nur relativ wenige Menschen des Schreibens kundig waren und diese durch eine vermutlich strenge Schule gegangen waren, kann ich mir das kaum vorstellen. Gelegentlich vergessene X, V oder I oder X die zu V wurden ("X für U vormachen") lasse ich mir eingehen. Aber Abweichungen in der Größenordnung der sich für die realen Entferungen von Haag/Dorfen und Landshut ergebenden erscheinen mir recht unwahrscheinlich. Und daß ein Ort dazwischenrutscht erst Recht.
Interessant ist diese Itinerariums-Strecke auch in Zusammenhang mit der Emmeransgeschichte. Emmeran http://de.wikipedia.org/wiki/Emmeram_von_Regensburg mußte im Jahr 652 nach seinem vorgeblichen Fehltritt möglichst rasch nach Rom reisen um seine "Sünde" zu beichten, wurde aber verfolgt und am 22. September bei Kleinhelfendorf ermordet. Es ist sehr anzunehmen, daß er die damals noch vorhandenen römischen Fernstraßen benutzt hat (zu Pferd) und dann eben in Helfendorf eine Herberge fand.
Damit hat man aber eine zweite unbeantwortete Frage: warum in aller Welt übernachtet Emmeran in Helfendorf, wenn die direkte Straße über Dorfen und Haag führt? Zu damaligen Zeiten lag das (selbst zu Pferde) ca. 1 Tagesreise von der Hauptstraße entfernt. Und warum fanden ihn die Verfolger so zuverlässig? Weil sie genau wußten welche Strecke er nehmen mußte (und es kaum Ausweichrouten gab).
Eine manchmal diskutierte Lösung ist daß es nicht Helfendorf war, sondern ein Ort bei Dorfen. Das erscheint mir aber insofern wieder nicht glaubwürdig als daß das Morddatum exakt bekannt ist. Dann sollte der Ort eigentlich auch schlüssig überliefert worden sein.
Aus allen diesen Fragestellungen und Lösungsvorschlägen habe ich mir dann meine eigenen Überlegungen gemacht und zwar gehe ich davon aus:
1. daß das Itinerarium sehr wohl genaue Entferungsangaben enthält und
2. daß die Verbindung von Ponte Aeni (259,3) ad Castra (259,6) keineswegs zwangsläufig eine weitgehend gerade Linie ist und deshalb über Dorfen/Haag und Landshut quer über das Hügelland führen muß
3. die Straße Helfendorf tangiert, weil Emmeran dort vorbeikommen mußte.
Statt einer Luftlinienverbindung ist meine Idee vielmehr eher so wie man heute auf dem schnellsten Autobahnweg (sofern es keine Staus gibt) von Rosenheim nach Regensburg fahren würde:
* in Rosenheim auf die A8 nach Nordwesten
* dann auf dem Autobahnring A99 und A9 durch die Münchner Schotterebene nach Norden
* dann auf der A92 Isarabwärts nach Nordosten in Richtung Passau
* und von Deggendorf dann Donauaufwärts auf der A3 bis Regensburg.
Damit ergibt sich m.E. folgender Verlauf der im Itienerarium beschriebenen Strecke:
Beginnend in Langenpfunzen/Pfaffenhofen führt die Straße weitgehend an der Mangfall entlang bis nach Helfendorf (oder zumindest in der Nähe). Bis dorthin ist der beschriebene Verlauf identisch mit der Strecke über Isinisca nach Ambrae ("Via Julia"), muß aber eindeutig vor Isinisca abzweigen, sonst wäre das sicher eine Stationsangabe auch auf dieser Strecke wert gewesen.
Ob Isinisca nun exakt in Helfendorf zu suchen ist oder nur in der Näheren Umgebung, das ist ein anderes Thema, das hier zunächst nicht weiter erörtert werden soll.
Das Itinerarium schreibt aber (in der Darstellung von Cuntz) auch "Item a Ponte Aeni ad Castra". Und das "Item" hat sicher seine Bedeutung und Berechtigung, bezieht sich nämlich auf die zuvor beschriebene Strecke von Salzburg bis zur Innbrücke und von da aus vielleicht noch ein Stück genauso weiter.
Also irgendwo bei Aying zweigt diese Strecke von der "Via Julia" nach Ambrae nach Norden ab (und eben nicht in Pfaffenhofen) und führt über Erding bis bei Langenpreising an die Isar. Für diese Nord-Süd-Straße sind viele Belege in der Bodendenkmälerliste verzeichnet. Dann geht es - ebenfalls archäologisch als Straße belegt - isarabwärts bis an die Donau und wieder donauaufwärts über Straubing (Sorviodurum) nach Regensburg.
Mißt man diesen Verlauf auf einer Karte nach, paßt die Gesamttrecke ziemlich gut zu den "CL m.p.".
Wo liegen nun Turo und Iovisura? Mit den Entfernungsangaben für die einzelnen Stationen wäre
* Iovisura in Moos/Burgstall an der Isarmündung in die Donau und vielleicht direkt an der Einmündung in die Straße von Regensburg nach Passau zu suchen (hierzu gibt es Luftbilder die eine solche Straßeneinmündung zeigen) und
* Turo wäre eben bei Erding zu suchen!
Nun könnte man sogar eine namensbildende Kette von Turo -> Turoding -> Turding -> Erding vermuten - aber da kenne ich mich zu wenig aus.
Ein anderer Hinweis, dem ich momentan nachgehe, behauptet, daß Altenerding schon den keltischen Namen "Ariodurum" hatte. Naheliegend wäre dann, daß das die Römer dann zu Turum verkürzt haben, während die Bajuwaren mehr Wert auf den Ario-Ort -> Arioding -> Erding gelegt hätten. Hierzu ist demnächst vielleicht mehr zu berichten.
Mit dem aufgezeigten Straßenverlauf kann man nun auch die Frage beantworten, warum Emmeran auf dem direkten Weg von Regensburg nach Rom überhaupt nach Kleinhelfendorf kam. Das lag nämlich an der Fernstraße und damit schnellsten Verbindung. Vielleicht hat er sogar donauabwärts von Regensburg bis Moos-Burgstall ein Schiff genommen und ist dann über Erding bis Helfendorf galloppiert.
Was ist der Vorteil dieser Theorie:
* die Entferungen des IA stimmen
* alle Straßenstücke sind zumindest teilweise belegt
* sie erklärt warum Emmeran überhaupt in Helfendorf Quartier nahm
* es erklärt warum man trotz 150 Jahren Suche keine unbestreitbaren Belege für eine römische Straße von Rosenheim über Dorfen/Haag nach Landshut oder Landshut nach Regensburg finden konnte.
Nun heißt es nach weiteren Belegen zu suchen ob es in oder bei Erding sogar römische Funde in größerem Maßstab als einzelne Villae Rusticae gibt. Und wo Isinisca genau lag, wenn es nach dieser Theorie nicht in Helfendorf sein kann.
Wie sind nun die Straßenstücke bei Edling und an anderen Stellen zu interpretieren? Hierzu ist noch vieles zu analysieren, aber Möglichkeiten sind: sie entstanden zu einem anderen Zeitpunkt als das IA-Straße (also viel früher oder viel später), und sie waren vielleicht Nebenstraßen die von Septimus Severus und Caracalla gar nicht repariert wurden. Das könnte auch erklären warum man in dieser Gegend bisher keine Meilensteine gefunden hat. Oder das beschriebene Stück bei Edling gehört zu einer weiteren Straße von Ebersberg über Wasserburg nach Seebruck, von der einige Teile im Ebersberger Forst belegt sind (Topografische Karten und Bayerische Denkmalliste).
