Der Drosselweg (Trudering), Teil einer Römischen Fernstraße?

Hier gehts um alles was mit Römern in Raetien und speziell rund ums Hachinger Tal zu tun hat. Angefangen mit der Römerstrasse über die Villa Rustica in Taufkirchen und "Vivamus" bis zur Tabula Peutingeriana, dem Itinerarium Antonini und den Notitia Dignitatum.

Der Drosselweg (Trudering), Teil einer Römischen Fernstraße?

Postby hns on Thu Mar 16, 2006 3:38 pm

Hier habe ich einen m.E. sehr interessanten Hinweis von Dr. Lieb auf ein Restchen einer Römerstraße im Münchner Osten, den ich hier gerne veröffentliche:

Der Verfasser, der selbst in den 50iger Jahren seine Jugend am Drosselweg (München Trudering) verbracht hat, ist auf Grund der noch vor wenigen Jahrzehnten hier besser erkennbaren Geländeformationen, eingehendem Literatur- und Kartenstudium zu der Erkenntnis gekommen, dass der Drosselweg Teil einer wohl aus der Römerzeit stammenden Straße von überregionaler Bedeutung ist.

Bezeichnenderweise ist gerade an dem momentan von der zentralen Stadtverwaltung und lokalen Interessengemeinschaften umstrittenen Grundstück Drosselweg 25-29 der letzte Rest eines ingenieurtechnisch bewundernswerten Fahrdammes erhalten, wie ihn unsere Vorfahren lange bis in die Neuzeit nicht mehr bauen konnten.

Die Fakten:
Der Drosselweg war noch bis zum Bau der Kanalisation und Asphaltierung Anfang der 70iger Jahre von der Wasserburger Landstraße bis zum durchtrennenden Bahndamm beim Bahnhof Gronsdorf ein über die Jahrhunderte vergessener und dadurch glücklicherweise unverändert gebliebener, geschotterter Fahrdamm von gleichem Profil wie der mittlerweile wieder in großen Strecken gesicherte Damm der Via Claudia Augusta etwa im Bereich des Forggensees.

Bekannt sind im Münchner Osten die beiden im wesentlichen in West-Ost-Richtung verlaufenden Römerstraßen von Augsburg nach Salzburg (mit Überquerung der Isar etwa bei Straßlach) und die Straße von Augsburg nach Wels in Oberösterreich (mit Überquerung der Isar bei Oberföhring, dem bekannten Ort der von Herzog Heinrich 1158 zerstörten Brücke des Freisinger Bischofs). Auch diese schon seit Jahrzehnten von der historischen und archäologischen Forschung anerkannten Straßen sind nicht in ihrem gesamten Verlauf zu rekonstruieren.

Daneben gab es Querverbindungen, so unter anderem eine wohl vom Hachinger Tal über Perlach Richtung Trudering und weiter nach Norden führende Trasse etwa nach Feldkirchen, Ascheim(einem Ort mit übrigens exemplarischem Geschichtsbewusstsein seiner Bürger und Politiker und exzellent eingerichtetem Heimatmuseum), von hier weiter über Altenerding etc. letztendlich nach Regensburg, dem für die „bajuwarische“ Stammesbildung höchst wichtigen Ort.

Diese Straße führte nun nicht, wie etwa bei einfachem Kartenstudium anzunehmen, von Trudering über Riem nach Norden, sondern musste über den späteren Drosselweg östlich ausweichen. Der Norden Truderings war seit Urzeiten Überschwemmungsgebiet durch das regelmäßig an die Oberfläche tretende „Hiedl-Wasser“, das Wasser des bei Berg am Laim noch heute versickernden Hachinger Bachs, einigermaßen trockene Verhältnisse wurden erst in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts durch Ausbau des „Hüllgrabens“, einen Drainagegrabens, welcher über Daglfing bis zum Gebiet der Speicherseen führt, geschaffen.

Diese Straße wurde auf der einen Seite am Rande des Überschwemmungsgebiets, auf der anderen Seite am Rande des damals noch bestehenden (Ur)Waldes im Verlauf des Drosselweg Richtung Gronsdorf, einem höheren Geländeareal(in Gronsdorf liegt der Grundwasserspiegel bei etwa 12 m!) gebaut, auf diesem höheren, nicht mehr überschwemmungsgefährdeten Gebiet war ein erhöhter Fahrdamm nicht mehr nötig, ist deshalb nicht mehr im Verlauf erkennbar.

Während der Bauerschließung des Drosselwegs erfolgte am Ende Richtung Gronsdorf zur besseren Absenkung in die Bahnunterführung die Umleitung zur Einmündung in die Bahnstraße, einer übrigens erst mit der Erschließung Waldtruderings Anfang des 20.Jahrhunderts entstandenen Straße. So blieb glücklicherweise auf dem Grundstück 25-29 der letzte Rest unberührt erhalten, welcher durch die Bahn schräg durchschnitten zur Schneiderhofstraße in Gronsdorf weiterführte, jetzt zum Teil auch noch hinter den Anwesen Drosselweg 31 etc.

Der Teil der Römer-Straße im Verlauf Schneiderhofstraße ist übrigens von dem bekannten schon verstorbenen Wissenschaftler Prof. Adolf Sandberger auf Grund von Flurgrenzenstudien als „Altstraße“, d.h. ältere Straße identifiziert als etwa die vergleichsweise junge, allerdings auch schon uralte, die alte Flureinteilung durchschneidende Wasserburger Landstraße (Nachzulesen in „Altbayerische Studien zur Geschichte von Siedlung, Recht und Landwirtschaft: Römisches Straßensystem und bairische Siedlung im Osten von München, München 1985).

Die südliche Einmündung des Drosselwegs in die Wasserburger Landstraße wurde gerade in neuester Zeit noch im Zug der Verkehrsberuhigung über die zwischenge- schaltete Mauerseglerstraße verändert. Sie war bis vor wenigen Jahren, und auch auf neueren Karten erkennbar, der fast geradlinig weiterführende Verlauf der späteren Wasserburger Landstraße, die stadteinwärts kurz dem Altstraßenverlauf folgte, anders herum ausgedrückt, die wesentlich jüngere Wasserburger Landstasse mündete in die Altstraße im Verlauf des Drosselwegs ein, noch zu erkennen am heutigen Knick der Wasserburger Landstraße in dieser Höhe beim Hotel Wasserburg.

Trotz im Rahmen der in letzten Jahrzehnten gerade explodierenden Geländeer- schließung mit vielfacher, archäologischer Dokumentation ist im Bereich der Altstraßenforschung, auch der Römerstraßenforschung im östlichen Münchner Raum eine gewisse Interesselosigkeit der Wissenschaft festzustellen, zumindest gibt es zwar eine Fülle dokumentierter Bauten, Pfostenlöcher, ehemaliger Brunnen, Gräber und Latrinen auch im Truderinger Bereich, neuerlich in Bearbeitung über den jetzt bald mit Beton versiegelten Bereich der Bajuwarenstraße, neuere Arbeiten über das Straßennetz sind aber derzeit offensichtlich nicht en vogue.

Vermutlich auf dieser Straße reiste wohl auch nach der Legende der Heilige Emmeram, der Apostel der Bayern auf seiner Flucht von Regensburg nach Rom, wurde er nach seiner Marterung bei Helfendorf wieder nach Norden transportiert bis zu seinem Sterbeort bei Feldkirchen/Aschheim (auch wenn es Legende ist, so war dies wohl die schnellste Verbindung letzendlich von Regensburg nach Rom.

In einer Zeit, in welcher der Römische Limes etwa als Weltkulturerbe anerkannt wurde, wo in anderen Gegenden jeder Kieselstein, welcher von Römischen Schuhen getreten wurde, liebevoll als historisches Denkmal angesehen wird, sollten wir mit dem als Bodendenkmal augenfällig in Erscheinung tretenden Rest der Römerstraße am Drosselweg nicht leichtfertig verächtlich umgehen. Zumindest sollte er nicht unerkannt der Ignoranz und Bauwut zum Opfer fallen. Auf jeden Fall sollte im Rahmen der wohl nicht abzuwendenden Bebauung eine archäologische Dokumentation erfolgen.

Wieso sollte allerdings nicht weiterhin dieses ohnehin nicht gerade als ideales Baugelände direkt an der hochfrequentierten Bahnstrecke liegende Grundstück als kleiner Geschichtspark etwa mit Ruhebank, Kinderspielplatz, Dokumentationstafel, verglastem archäologischem Geländeschnitt weiter existieren können? Es wäre eine sicher nicht kostspielige Bereicherung des Stadtteils.

Völlig unverständlich ist allerdings die (bewusste?) Ignoranz der städtischen Behörden, die trotz in Fülle amtlich bekannter, das Gegenteil beweisender, vorliegender Pläne den Fahrdamm als alten „Bahndamm“ und somit historisch uninteressant hinstellen will, er könnte somit sang- und klanglos dem Schaufelbagger zum Opfer fallen.

Wir zumindest wollen uns als Anrainer einmal nicht von unseren Kindern und Enkeln Geschichtslosigkeit, Ignoranz und Stupidität vorwerfen lassen und es zumindest nicht unversucht lassen, zumindest die Nachbarschaft in Kenntnis des historischen Geländes zu versetzen.

Der Verfasser ist fast jederzeit gerne bereit, jedermann entsprechende, seine Thesen beweisenden Dokumente vorzulegen und zu erläutern.
Verf.: R. Lieb Drosselweg 12 Tel 089/4303303 dr.rupert.lieb@gmx.de
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Postby hns on Thu Mar 16, 2006 3:50 pm

Das genannte Grundstück läßt sich auf Google Maps identifizieren (Bildmitte):

http://maps.google.com/?ll=48.118502,11 ... 007875&t=k
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Postby hns on Wed Sep 13, 2006 2:58 pm

Gestern hatte ich die Gelegenheit dort vorbeizuschauen.

Status:
* das Grundstück ist von einem Bauzaun umgeben
* der ca. 1m hohe und 3-4m breite Damm steht noch
* es wurden mit dem Bagger zwei Querschnitte angelegt die eindeutig eine Kies-Straßenschichtung auf dem früheren Erdreich freilegen

Das deutet m.E. von der Bautechnik mehr auf eine römische Straßenbefestigung als auf eine mittelalterliche oder frühe Neuzeit hin - aber ich bin da kein Spezialist...

Die Art der Querschnitte deutet auf eine professionelle Untersuchung hin, so daß zu hoffen ist, daß das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege aktiv geworden ist. Nach meinem Kenntnisstand wäre das das erste/einzige gut erhaltene Römerstraßenstück auf dem Müncher Stadtgebiet.

-- hns
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Postby hns on Wed Oct 18, 2006 7:25 pm

Wie ich inzwischen erfahren habe, wurden die Untersuchungen und Dokumentationen vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege durchgeführt. Erste Ergebnisse sprechen eher gegen eine Römerstraße - so wurden z.B. keine typischen Materialgruben entdeckt. Die Auswertung wird noch einige Zeit dauern so daß Ergebnisse erst nächstes Jahr zu erwarten sind.

Inzwischen wurde auch mit der Baumaßnahme begonnen, so daß eine Erhaltung leider nicht mehr möglich ist.
hns
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