Taufkirchen ein galloromanisches Dorf?

Hier gehts um alles was mit Römern in Raetien und speziell rund ums Hachinger Tal zu tun hat. Angefangen mit der Römerstrasse über die Villa Rustica in Taufkirchen und "Vivamus" bis zur Tabula Peutingeriana, dem Itinerarium Antonini und den Notitia Dignitatum.

Taufkirchen ein galloromanisches Dorf?

Postby hns on Tue Jul 12, 2005 6:11 pm

[Entwurf - wird noch bearbeitet]

Taufkirchen ein galloromanisches Dorf?
Eine Theorie zur Siedlungsgeschichte.


Quellen
Aus folgenden Quellen habe ich eine (neue?) Theorie zusammengestellt, in welchen Phase Taufkirchen (bei München) vielleicht besiedelt wurde:

* Lebendige Heimat - Oberhaching 1999, zur 1250-Jahrfeier
- Die Anfänge von Haching im Licht der modernen Forschung, Dr. Gertrud Diepolder, S299-335
- Karte 4: colorierter Katasterplan von 1808
- Karte 6: die römischen und bajuwarischen Fundstätten im Hachinger Tal (Stand 1998)
* Karten und Lageplan der Villa Rustica von Taufkirchen (im Keltenhaus http://www.museen-in-bayern.de/inhalt/museum_1008.html ausgestellt)
* Hachinger Heimatbuch, Karl Hobmair, 1979

Analyseergebnisse
Zunächst habe ich die colorierte Karte 4 kopiert und dann folgende Fundorte so genau wie möglich eingezeichnet:
* Keltisches Dorf auf den Köglfeldern
* römische Villa Rustica südlich davon
* Römisches Landgut in Potzham incl. spätrömische Reihenfelder - beim Bau des Wasserturms endeckt und Gefäß mit Aufschrift "Vivite Felices"
* bajuwarische Siedlungsspuren vermutl. eines Gehöfts

Leider konnte ich die Orte bisher noch nicht wirklich präzise einzeichnen, da die genauen Koordinatenangaben fehlen, sondern musste auf gutes Augenmaß vertrauen.

Folgende Beobachtungen beschreiben das Ergebnis:
1. der Grundbesitz im "Zweistromland", d.h. zwischen Hachinger Bach und Entenbach ist überwiegend im Besitz der beiden großen Höfe Schrödl+Kögl (5+9)
2. der Bereich an und südlich die Kirche ist im Besitz des ebenfalls großen Marklhofs bzw. dem halben Kanzler und der Bachmühle (4+8+7)
3. beide Höfe besitzen je einen in ost-west-Richtung verlaufenden Streifen westlich des Hachinger Bachs
4. beide sind in der Flur von einem nördlichen Weg begrenzt (heute Köglweg, Märklweg)
5. südlich der Markl-Felder gibt es keinen Weg, sondern verläuft die Flurgrenze zu Pötting
6. die bajuwarische Siedlungsspuren vermutl. eines Gehöfts liegen (vermutlich) im blau eingezeichneten Feld zwischen Oberweg und Bach und gehören zum Hof 3 (Saxhuber bzw. Wirth)
7. die beiden großen Höfe von Potzham wo das römische Landgut gefunden wurde (Heimerer und Zellermaier 1+4) bilden einen recht geschlossenen Besitz vom Bach nach Osten
8. daran schließt sich südwestlich bis Pötting der beitz der beiden großen Potzhamer Höfe Frimmer und Kirmaier mit Mühlen an (10+11). Diese gehörten zur Hofmark Taufkirchen
9. der Pöttinger Weg macht (als Feldweg) im Bereich der villa Rustica und des keltischen Dorfs einige "unmotivierte" Biegungen bis er sich in den Oberweg fortsetzt
10. in diesem geknickten Verlauf ist er flurbegrenzend, d.h. die Flureinteilung ist neueren Datums als dieser Weg
11. in der Nähe von Pöttig zweigt der (heutige) Weg abrupt ab und quert die Felder bis er auf den Kanzlerhof (8) stößt
12. Die Kirche, und die Höfe 3+4+8 bilden zusammen mit der Bachmühle 7 grob ein Quadrat von 150x150m - dort wo Fr. Dr. Diepolder über einen Graben um ein Wasserschloß spekuliert (S307).
13. Die Höfe 4, 7, 8 waren 1809 im Besitz von St. Veit, Hof 3 im Besitz der Hofmark Taufkirchen
14. der spätmittelalterliche Sitz der Taufkircher lag jedoch nördlich der Kirche im Schloßanger

Deutungsversuch

Zunächst gab es das keltische Dorf. Dann entstand die Villa Rustica, wobei die Kelten gerne gesehene Bauern und Helfer waren. Hierbei entstanden zwei große Feldstreifen.

Nach Verfall der römische Villa siedelten entweder noch verbliebene oder neue Kelten/Germanen/Bajuwaren an den beiden sicher schon/noch gut vorbereiteten (weil gerodet, flaches Areal, gute Wasserversorgung) Siedlungsplätzen. Vielleicht aus der Sippe der Hachilinga.

Wahrscheinlich waren es zwei Clans, einer besiedelte das keltische Dorf, der andere die Villa Rustica. Möglicherweise bestellten sie die alten Felder neu. Dazu kam der einzelne Bajuwarische Hof (Nr. 3).

Ein weiterer besiedelte in Potsham das römische Landgut.

Als nächstes bildeten sich (wann?) die Dorfkerne, d.h. man zog um und bildete einen Dorfkern. Dabei gab es offensichtlich zwei Sippen, die Kögl-Sippe und die Markl-Sippe, die den bisherigen "Aussiedlerhof" Saxhuber mit integrierten.

Der Markl-Sippe gründete dann die Taufkirche (die vielleicht als Taufplatz schon existierte) und baute ein Wasserschloss um ihren Besitz.

Dabei wurde der bisherige Zubringerweg (von der Römerstrasse kommend) in der Nähe von Pötting umgeknickt ud führt seither quer durch die Wiesen genau auf die Mitte der Westseite des gedachten Wassergrabens.

Aus der nördlichen Sippe gingen die Taufkircher Adeligen hervor, die dann später das Herrenhaus auf dem Schloßanger bauten und die Hofmark begründeten. Dabei blieb die Kirche erhalten, das Wasserschloss verfiel aber wieder.

Schlußfolgerungen

Was folgt daraus:
1. die Bachmühle (7) könnte auf römische Zeit zurückgehen (vgl. Wassermühle einer Villa Rustica in Perlach)
2. Die Besiedlung könnte mehr oder weniger kontinuierlich gewesen sein
3. Die adeligen Taufkircher gehen auf die frühesten Zeiten zurück (römisch/keltisch oder von Hacho unabhängige Sippe)
4. der Pöttinger Weg war die Nebenstrasse der Villa Rustica, vielleicht sogar schon in vorrömischer Zeit Verbindung ins obere Gleißental und wurde neuer Zugangsweg zum Wasserschloß
5. die Taufkirche wurde als nordwestlicher Teil des Wasserschlosses gebaut (integriert?) - vielleicht genau deshalb zu Ehren Johannes, weil die Familie der Adeligen zum Christentum konvertiert war.

Fragen
* erst mal natürlich zur Validität der Annahmen: stimmen die Orte (werde ich bei Gelegenheit genauer zeichnen)
* Besitzrückschreibung - hier gibt es ja eine Reihe von Urkunden über Verkäufe - könnte die Kartierung verbessern
* gibt es römische Funde bei der Bachmühle?
* wie groß war die villa Rustica, wann wurde sie gebaut, wann ist sie verfallen? Leider gibt es dazu im Internet keine Hinweise auf Grabungsberichte etc.
* eine Villa Rustica folgte i.d.R. einem Standardtyp: Eckrisalitgebäude mit Front nach Süden - ausserdem wurde normalerweise Wasser in das Gebäude geleitet. Letzteres müsste über das Höhenprofil des Hachinger Tals eine interessante Theorie über die Entnahmestelle ergeben.
* weitere Grabungen im Bereich der Kögl/Märklfelder wären sicher spannend!

Was meint der Leser dazu?
Last edited by hns on Mon Jul 18, 2005 1:04 pm, edited 3 times in total.
hns
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Postby hns on Tue Jul 12, 2005 7:33 pm

Hier ein Link auf eine Chronik des Ortes: http://www.docs4u.de/DATA/Zeittafeln/Ta ... nDaten.htm die aber erst 803 beginnt.
hns
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